„Brauch ich für die Hausaufgaben!“, erklärt Genia ihrem Vater, als der wissen will, warum sie den ganzen Nachmittag noch nicht ihr Smartphone aus der Hand gelegt hat, „Ich mache ein Referat zusammen mit Finn und Silas, dafür haben wir eine WhatsApp-Gruppe.“ Was Genia ihrem Vater nicht erzählt hat: Während sie auf die Antworten ihrer Schulkollegen wartet, vertreibt sie sich die Zeit mit TikTok-Videos, Insta-Stories und dann noch mehr TikTok-Videos. Und weil Finn und Silas das ganz ähnlich handhaben, wird ihr gemeinsames Referat eher mäßig ausfallen - wenn es denn überhaupt rechtzeitig fertig wird.

                                                                   

Die Psychotricks der App-Entwickler

Jugendlichen, die in diese Falle tappen, ist kaum ein Vorwurf zu machen. Psychologen haben eine Reihe von Faktoren ausgemacht, die dazu führen, dass sich Gewohnheiten bilden, die sich zu Süchten auswachsen können:

●           Gewohnheiten werden getriggert von Auslösereizen,

●           die Handlungen selbst sind einfach,

●           der Betroffene empfindet die Handlung oder ihr unmittelbares Ergebnis als attraktiv.

Infinite Scrolls, Streaks und „FOMO“ (fear of missing out) - nach diesem Schema sind fast alle erfolgreichen Apps aufgebaut: So reißt der Informationsfluss nicht ab, ein Belohnungssystem hält Kinder bei der Stange und auch die Angst, etwas zu verpassen, gehört zu den effizientesten Maschen der App-Entwickler. Likes und andere positive Rückmeldungen sorgen für einen Dopaminausstoß und für ein „digitales Wohlbefinden“ (Digital Wellbeing).

Den Auslösereiz liefert auf dem Smartphone eine Benachrichtigung, ein akustisches Signal, optisch von einem Symbol in der Benachrichtigungsleiste begleitet. Bei abgeschaltetem Display signalisiert auf vielen Smartphones eine blinkende LED, dass Benachrichtigungen auf den Nutzer warten. Die Handlung selbst ist meist eine simple Tipp- oder Wischbewegung, und wer würde ein „Like“ auf Instagram oder ein lustiges TikTok-Video nicht mögen? Schnell drängt sich eine solche Gewohnheit in als weniger attraktiv empfundene Tätigkeiten, wie etwa Hausaufgaben. Wer ohnehin zum Prokrastinieren neigt, kann solchen Gewohnheiten kaum widerstehen.

Sinnvolle Grenzen statt sinnloser Verbote

Kindern die Smartphones abzunehmen, oder ihnen die Nutzung bestimmter Apps zu verbieten, führt selten zu den gewünschten Ergebnissen. 

1. Zunächst vergewissern Eltern sich am besten, ob es überhaupt ein Problem gibt, und wenn ja, wo es liegt. 

2. Aktuelle Android-Smartphones bieten dazu innerhalb der App „Einstellungen“ eine Funktion, die - je nach Modell – „Digitales Wohlbefinden“, „Digital Wellbeing“ oder ähnlich benannt ist. Die Funktion verrät unter anderem, wie viele Stunden und Minuten das Smartphone heute und in den letzten Tagen in Benutzung war, und wie viel Zeit davon jede App in Anspruch genommen hat. War es wirklich die gemeinsame Arbeit in der WhatsApp-Gruppe, für die Genia gestern einen großen Teil der sechs Stunden Smartphone-Nutzung verbraucht hat, oder entfielen fünfeinhalb Stunden de facto auf TikTok?

 

                                                                         

3. Apps, die mehr Zeit in Anspruch nehmen, als die Eltern für angemessen halten, lassen sich über „Digitales Wohlbefinden“ auch mit einem Timer versehen. Räumt Genias Vater für TikTok eine Stunde ein, schließt das Smartphone die App pünktlich nach Ablauf von 60 Minuten, und erlaubt ihren Start erst wieder am nächsten Tag. Andere Apps, zum Beispiel WhatsApp, kann Genia unterdessen weiter benutzen.

4. Unter "Digitales Wohlbefinden" lässt sich auch ein „Konzentrationsmodus“ einrichten. Eltern können damit einen täglichen Zeitraum festlegen, in dem ausgewählte Apps nicht starten. Damit ließe sich zum Beispiel festlegen, dass Genia Montags bis Freitags von 14 bis 17 Uhr keinen Zugriff auf TikTok, Instagram und SnapChat hat. Einmal eingerichtet, startet und endet der Konzentrationsmodus täglich automatisch.

5. Einfacher: Auslösereize stoppen: Wem solche zeitlich begrenzten Verbote zu restriktiv erscheinen, der kann den Hebel an anderer Stelle ansetzen. In den „Einstellungen“ findet sich auch eine Funktion „Benachrichtigungen“. Bei manchen Android-Systemen ist diese Funktion auch in „Apps“/“Apps verwalten“ versteckt. Darüber können Sie für jede einzelne App die Benachrichtigungen abschalten. Fehlen diese Auslösereize, sinkt die Nutzung unproduktiver Apps oft von ganz allein. 

Smartphone-Nutzung steigt bei Kindern

Nicht erst seit der Corona-Krise ist die Smartphone-Nutzung bei Kindern erheblich angestiegen. Selbst Grundschulkinder spielen damit oder schauen Videos darauf. Laut einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2019 hat bereits jedes zweite Kind im Alter von sechs bis sieben Jahren ein Handy genutzt. Bei den 11-Jährigen sind es schon 90 Prozent. Fünf Jahre zuvor lagen die Zahlen noch bei 20 und 60 Prozent. Folgt man einer Statista-Studie aus 2020 besitzen bereits sieben Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen ein Smartphone. Jedes zweite Kind zwischen 10 und elf Jahren und 73 Prozent der 12- bis 13-Jährigen hat eins. Und auch der Konsum vor dem Handy-Bildschirm ist bei 14-Jährigen auf zweieinhalb Stunden im Schnitt angestiegen.

                                                           

                                            https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Mit-10-Jahren-haben-die-meisten-Kinder-ein-eigenes-Smartphone

 

Es gibt keinen Sendeschluss beim Handy wie beim Fernsehen vor 20 Jahren. Für das Familienleben ist es nicht immer einfach, denn Väter und Mütter haben wenig Verständnis für das ewige Chatten, Surfen und Tippen. Doch das Smartphone hat sich im Laufe der Zeit zur Schnittstelle zum Freundeskreis entwickelt. Ich habe vor 25-30 Jahren gefühlt den halben Tag mit meinen Freunden telefoniert, heute chatten die Kinder und Jugendlichen am Stück. Doch nicht immer handelt es sich gleich um eine Sucht, meistens eher Gewohnheit. Bei Euch sollten die Alarmglocken schrillen, wenn für Euer Kind:

• das Smartphone unentbehrlich wird, wenn das Kind emotional und gedanklich nur noch auf das Handy fixiert ist

• Entzugserscheinungen bei der Nichtnutzung des Smartphones entwickelt

• das Smartphone zücken zur Routine wird

• das Handy in allen möglichen Situationen benutzt 

• lieber über das Smartphone kommuniziert als Freunde real zu treffen

• das Handy zur psychischen Stabilisierung verwendet wird, z.B. um sich aufzuheitern oder um Stress abzubauen

• versucht, die Nutzung zu verheimlichen

Die Tipps für die App-Nutzung gelten natürlich auch fürs Smartphone. Wichtig ist, dass Ihr: 

• miteinander redet

• Nutzungs-/Offlinezeiten festlegt

• Smartphone-freie Räume oder Aktivitäten gestaltet

• Alternativen bei Freizeitaktivitäten anbietet 

• Euch Hilfe bei Beratungsstellen sucht