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Oh nein, hab ich was verpasst?! Wie Ihr FOMO erkennt und damit umgeht

PhDr. Jarmila Tomková | 29 Sep 2021
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Leidet Euer Kind an FOMO, der Angst, was zu verpassen? Oder ist es anfälliger dafür? Wie könnt Ihr als Eltern hier die Reißleine ziehen? Die Psychologin Jarmila Tomková erklärt, welche Auswirkungen dies auf die psychische Gesundheit von Kindern hat und gibt Tipps zum Umgang mit dieser Form der Angst.

Der Wecker klingelt. Das Erste, was Emma macht, ist ihr Handy zu schnappen und alle neuen Posts und Stories auf den Sozialen Netzwerken checken. Sei hängt auch den ganzen Tag in WhatsApp ab, schreibt Nachrichten im Minutentakt und abends checkt sie nochmals alle Medien. Emma könnte an FOMO (Fear of missing out) leiden, an der Angst, etwas zu verpassen, kein Teil der Community zu sein. FOMO ist ein gesellschaftliches Phänomen, das eng mit unserem digitalisierten Alltag verwoben ist. Durch die Sozialen Netzwerke ist diese Angst noch größer geworden. Und davon sind alle betroffen: Erwachsene, Kinder, Jugendliche. 

                               

Wie würden Sie die Angst, etwas zu verpassen, definieren? Unterscheidet sich FOMO von Bedauern, Neid oder sozialer Ausgrenzung?

FOMO geht mit all diesen Gefühlen einher. Die Menschen können Bedauern empfinden und sich unentschlossen fühlen. Oder sie glauben, dass sie keine guten Entscheidungen treffen können und ihr Leben nicht so erfüllend ist wie das anderer. Dieses Syndrom tritt in der Regel auf, wenn Menschen eine schwierige Zeit durchmachen und mit sich selbst unzufrieden sind. Insofern richten sie mehr Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung, um sich zu vergewissern, dass sie gut genug sind und nichts verpassen. Der Schlüssel dafür ist die Angst und das Gefühl der Abhängigkeit, das FOMO auslöst. Man beobachtet das Leben der anderen nicht mit Leichtigkeit und Freude. Im Gegenteil, es versetzt denjenigen in einen depressiven Gemütszustand.

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen FOMO und sozialen Netzwerken, die vor allem von der jüngeren Generation aktiv genutzt werden. Kann FOMO auch bei älteren Menschen auftreten?

Ja, das kann sie. Menschen, die mit FOMO zu kämpfen haben, besitzen das dringende Bedürfnis zu wissen, was um sie herum geschieht, und sind gleichzeitig von diesem Wissen abhängig. Bei Erwachsenen kann sich dies auf unterschiedliche Weise äußern, z. B. indem sie ständig die Nachrichten verfolgen - und nichts verpassen können. Es ist ein Unterschied, ob man ständig den Nachrichten hinterherjagt und nichts auslassen kann, oder ob man jeden Tag die Nachrichten sieht und dabei die Gewissheit hat, dass man nicht alles wissen muss. Trotzdem können Erwachsene versucht sein, in den sozialen Medien nachzuschauen, um sich zu vergewissern, dass sie keine Aktivitäten, keine Anerkennung, keine Kontakte zu Freunden oder Kollegen und keine aktuellen Trends verpassen.

Können Sie ein Beispiel für eine Situation nennen, in der sich ein Erwachsener in einer solchen Lage befinden könnte?

Wenn man sich bei der Arbeit unsicher fühlt, schaut man vielleicht häufiger in die Chats der Arbeitsgruppen, ist aktiver und abhängiger davon, Beiträge in den Team-Chats zu posten. Es kommt auf die psychologische Haltung an, in der man diese Online-Aktivitäten macht.

Wie wirkt sich FOMO auf verschiedene Altersgruppen von Kindern aus? Wenn FOMO eher in einer Krise und bei geringem Selbstwertgefühl auftritt, kann es dann ein höheres Risiko für Teenager darstellen?

FOMO kann entstehen, wenn sich jemand allein fühlt, der Partner einen verlässt oder man entlassen wurde. Zu diesem Zeitpunkt zweifelt man vielleicht an sich selbst und hat das Gefühl zu fallen, was einen in das FOMO-Syndrom hineinziehen kann. Teenager sind besonders anfällig, weil ihr Selbstwertgefühl zerbrechlicher ist, wie die gesamte entwicklungspsychologische Forschung bestätigt. Die Selbsteinschätzung in diesem Entwicklungsstadium hängt stark davon ab, was andere denken und tun. Deshalb haben Jugendliche am meisten Angst davor, ausgegrenzt zu werden. Sie müssen ihren Platz finden und sich von ihrer Umgebung akzeptiert fühlen. Die Angst vor Ausgrenzung kann der Grund dafür sein, dass sie ständig in den sozialen Medien unterwegs sind. Sie suchen nach Selbstbestätigung und interagieren ständig mit anderen Menschen. 

Doch in den sozialen Medien sehen sie vielleicht nur, dass alle anderen etwas Tolles machen. 

Genau, und dann fängt man an, anderen Leuten Nachrichten zu schicken, weil man ein Teil dieser Welt sein will, und man fühlt sich nicht mehr so entspannt wie am Anfang, sondern prüft ständig die Chats und ob jemand zurückgeschrieben hat. Einsamkeit und die häufige Nutzung von sozialen Netzwerken sind also der Nährboden für die Entwicklung von FOMO. Und während ein Erwachsener mit diesen Gefühlen besser umgehen kann, hat es ein 14-jähriges Mädchen nicht so leicht damit.

FOMO kann zu Konzentrationsstörungen führen. In extremen Fällen können Menschen das Gefühl bekommen, dass sie nicht zu Hause bleiben können und rausgehen müssen. Besteht die Gefahr, dass wir unsere Grundbedürfnisse wie Schlaf und Ruhe vernachlässigen?

Das ist ein hervorragender Punkt. Das Gefühl, nicht im Bett liegen zu können, und das Bedürfnis, zu sehen, was andere tun, kann dazu führen, dass man sich selbst wach hält. Derjenige ist nicht in der Lage, zu schlafen, sich auszuruhen oder still zu halten. Aber jeder muss sich zwischen Aktion und Nichtstun abwechseln.

Inwieweit ist dieses Verhalten kulturell bedingt? 

Die Angst, etwas zu verpassen, ist zum Teil ein Ergebnis aktueller gesellschaftlicher Trends. In vielen Sendungen, die von Teenagern gesehen werden, ist ein ähnliches Bild zu sehen: Die Hauptfiguren gehen oft aus und feiern, sehen perfekt aus und tun immer etwas. Wenn jemand in einer Stadt lebt, hat er vielleicht auch den Wunsch, ständig auszugehen - die Stadt ist lebendig, pulsierend, immer in Bewegung. Wir werden vom digitalen Marketing angetrieben, das Menschen dazu bringt, bestimmte Haltungen einzunehmen, Dinge zu kaufen oder sogar künstlich geschaffene Werte zu begehren. 

Hat sich an diesen Tendenzen seit der COVID-19-Pandemie etwas geändert?

Nicht wirklich. Einerseits hielt uns die Pandemie zu Hause, aber andererseits mussten wir viele Aktivitäten im Internet machen. Es gab viele Online-Kurse, die das Bedürfnis vielleicht noch verstärkt haben, in Verbindung zu bleiben. Einige Leute haben angefangen, sich bestimmte Shows anzusehen, um mitzuhalten. Genauso könnten sie Yoga machen, nur weil alle anderen es tun. Aber der Auslöser ist immer noch das Gefühl der Unruhe. Daran hat Covid nicht viel geändert. Viele Menschen fühlen sich jetzt ängstlich oder ihre früheren Ängste haben sich verschlimmert. Das liegt daran, dass es weniger Möglichkeiten für soziale Aktivitäten gibt. So fehlten Chancen, Selbstwertgefühl aufzubauen und Freude zu erleben. In einer Pandemie sind die Menschen stärker von FOMO bedroht. 

                                 

Wie kann man FOMO minimieren, ohne die Nutzung der entsprechenden Technologie zu unterbinden?

Wenn Eltern bemerken, dass ihre Kinder ständig ihr Handy benutzen, mehrmals pro Stunde auf den Bildschirm schauen und verfolgen, was vor sich geht, bedeutet das nicht, dass sie unter FOMO leiden. Wenn Teenager verliebt sind, schauen sie immer auf ihr Handy - es gibt kein Syndrom. Wenn Jugendliche jedoch Selbstzweifel haben, sich schlecht fühlen oder sich daneben benehmen, sollte man mit ihnen reden. Das ist die halbe Miete der Prävention. Der erste Schritt besteht darin, sie über das Thema aufzuklären. Vermittelt ihnen, dass das FOMO-Risiko zwar mit den sozialen Medien zusammenhängt, aber auch schon vorher bestand (damit sie nicht das Gefühl haben, wir würden die sozialen Medien abtun) – sprecht über das Phänomen als soziales Phänomen, anstatt soziale Netzwerke zu verbieten.

Was können Eltern noch beeinflussen?

Wir können die Zeit beeinflussen, die unsere Kinder in sozialen Netzwerken verbringen. Es ist gut, dies bereits bei kleinen Kindern zu begrenzen. Dann können wir ihnen bewusst machen, wie sie sich fühlen, wenn sie jeden Tag eine halbe Stunde oder vier Stunden auf Facebook oder Instagram verbringen. Wir können einen kleinen Workshop für die Kinder veranstalten, in dem wir Forschungsergebnisse und unsere eigenen Erfahrungen einbeziehen oder erwähnen, wie sie es in anderen Familien machen. Helft ihnen zu erkennen, dass einige Profile oder Inhalte im Internet ihnen kein gutes Gefühl vermitteln. Erklärt ihnen, dass sie sich das nicht ansehen müssen oder zeigt ihnen, wie Werbung funktioniert. Unterstützt sie so gut es geht, damit sie diese kritische Phase des Lebens so unbeschadet wie möglich überstehen. Die Pubertät ist keine angenehme Zeit, das müssen wir uns eingestehen. 

Was müssen Eltern tun, damit Kinder nicht so sehr auf die Anerkennung anderer angewiesen sind, sich selbst so akzeptieren können, wie sie sind, und sich nicht so leicht von der Realität der sozialen Medien beeinflussen lassen?

Ihr könnt z. B. immer wieder darauf hinweisen, was an ihren Kindern einzigartig ist, ihnen sagen, dass sie sie mögen, einige ihrer Qualitäten schätzen - aber sich vor leistungsorientiertem Lob hüten - und stattdessen ihre Kreativität und ihr Geschick, ihre Ausdauer und ihre Achtsamkeit hervorheben. Lasst die Kinder spüren, dass sie originelle Wesen sind und bereits gut genug, so wie sie sind. Auf diese Weise werden die Kinder wissen, warum sie tun, was sie tun, und verstehen, was ihre wahren Bedürfnisse, Energiequellen und Motivationen sind.

Ihr wollt gern weitere Tipps, wie Ihr am besten mit Euren Kids sprecht, um Regeln aufzustellen? Lest hierzu unsere Artikel: 

https://saferkidsonline.eset.com/de/article/bitte-nur-noch-eine-folge-wie-ihr-am-besten-mit-euren-kids-kommuniziert-und-gesunde-regeln-setzt

https://saferkidsonline.eset.com/de/article/bildschirmzeit-so-finden-auch-eure-kids-den-aus-schalter

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Über den Autor

PhDr. Jarmila Tomková /
Psychologin

Jarmila ist eine angesehene Psychologin in der Slowakei...

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